Kräuter sammeln im Wallis
Mit der "Kräuterhexe" unterwegs
Gleich treffen wir die Kräuterhexe. So hat sich Lisa Engler am Telefon selbst genannt. Doch wir zweifeln, die Stimme klingt jung. Und nicht bei Vollmond, auch nicht vor Tau und Tag, sondern um neun vor der Alphitta in 2000 Meter Höhe erwartet sie uns zum Apéro mit Walliser Hobelkäse und einem Glas Fendant. Hier oben auf dem Sonnenplateau im Wallis starten wir zur „Bergblumen- und Kräuterwoche“ – der Gesundheit und unserem Gaumen zuliebe. Denn dass „gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist“, hat uns Hildegard von Bingen in ihren natur- und heilkundlichen Schriften hinterlassen. Und dass aus der mediterranen Küche die grünen Geschmacksverstärker nicht mehr wegzudenken sind, erfahren wir daheim nahezu täglich.
Bärlauch kennen wir, selbstverständlich, wir wissen, dass dessen Frischezeit das frühe Frühjahr ist, sobald der Schnee nicht mehr das Wachstum verhindert. Doch wie im Juni die leuchtend bunten, von der Sonne verwöhnten Wiesen um uns herum unsere Kochkünste veredeln und uns vor Husten oder Heiserkeit bewahren können, das sollen wir von Lisa erfahren.
Wie eine Hexe mit langen grauen Haaren, einer Warze auf der Nase und einer schwarzen Katze auf der Schulter sieht die 40-Jährige wahrlich nicht aus. Wir einigen uns auf Kräuterfrau. Von der Alpenrose bis zum Zickzackklee reicht ihr Wissensfundus. Den unsrigen verspricht die ausgebildete Phytotherapeutin in dieser Woche auf „mehrere Dutzend verschiedene Pflanzen und Alpenkräuter“ zu erweitern.
Auch die Wildkräuterküche hat ihren Star – den Löwenzahn. Die gesamte Pflanze ist ein Gemüse- und Salatlieferant mit vielen gesunden Inhaltsstoffen wie Provitamin A, den
Vitaminen B und C, Mineralsalzen und Bitterstoffen, unterstreicht die Kräuterfrau. Wurzeln, Blätter, Blütenknospen und Blüten sind roh oder gekocht essbar. In Butter gebratene Blütenknospen als Suppeneinlage? Werden wir versuchen.
Im Sommer ist es dann vorbei mit der gelben Blütenpracht auf den Almwiesen zu Füßen des Bettmerhorns. Dann überwiegt die Farbe Blau. „Blau, blau, blau blüht der Enzian…“ Das Lied des weißblonden Softbarden drängt aus der Erinnerung. Profan. Faszinierend dagegen der Blick über die blauen Blütenkissen auf sattem Grün. Wir probieren nur eine Blüte. Schließlich ist Enzian ja gesetzlich naturgeschützt. Die Blüte schmeckt herb-süß und nach mehr…
Bei Thymian, Schafgarbe oder Alpenampfer gilt diese Beschränkung nicht. Wir sammeln die Blüten des am Boden kriechenden Thymians, um daraus eine Salbe herzustellen. Ihre Bakterien hemmende Wirkung wird im Winter – auf die Brust aufgetragen – unsere Beschwerden bei Erkältungen lindern, verspricht Lisa Engler. Thymian ist vielseitig: frisch oder getrocknet würzt es Fleischgerichte, Soßen oder Salatmarinaden. „Thymos“ hat mit Kraft zu tun, mit Abwehrkraft und stärkt das Immunsystem, erfahren wir. Den Germanen verlieh das Kraut vermeintlich Kraft und Mut: sie nahmen vor dem Kampf ein Thymian-Bad. Und dass Schafgarbe die Wunde des Achilles’ beim Kampf um Troja heilte (die Achillesferse!), gehört zu Lisa Englers Sagenwissen. Im Mittelalter bezeichnete man Schafgarbe gern als „Augenbraue der Venus“. Das „Bauchwehkraut“ lindert Menstruations- und Wechseljahrbeschwerden dank der ausgleichenden Wirkung seiner Inhaltsstoffe (Ätherisches Öl, Azulen, Eukalyptol, Gerbstoffe, Flavone, Bitterstoffe, antibiotische Substanzen).
Wir denken an die nächste Erkältung und zerkleinern die Thymian-Blüten als Basis für unsere Salbe. Sie sollen nur an sonnigen Tagen gesammelt werden, weil sie nur dann ihr volles Aroma entwickeln. „Kräuterhexe“ Lisa hat fürs Salbenkochen kleine Teelicht-Kocher gebastelt. Mit drei Esslöffeln Sonnenblumenöl ergänzt köcheln die Blüten nun eine halbe Stunde vor sich hin.
Warten aufs Ergebnis: Unsere Ungeduld wächst. Verkürzen wir uns doch das Warten mit einem Blick auf die Berge rundherum, auf den kleinen See und auf die Kapelle „Maria zum Schnee“. Am Horizont, ganz klein, aber unverwechselbar, ist die markante Silhouette des Matterhorns zu sehen.
Die Blüten in Öl sind fertig. Filtern in ein Glasgefäß, je ein Teelöffel Wollfett und Bienenwachs – ohne Parafin, mahnt Lisa – hinzugeben und so lange rühren, bis die Masse glatt und ein wenig abgekühlt ist. Danach wird die noch gießfähige Masse in einem kleinen Glastiegel versiegelt.
Die Erkältung kann kommen –. oder besser nicht, wollen wir doch noch mehr über Kräuter erfahren auf unseren Wanderungen. Etwa über die Ringelblume, die auch hier in der Höhe nicht wächst, „sie wuchert“, beschreibt die Kräuterexpertin das Wundermittel mit kaum zu überbietenden Farbenvielfalt. Kein Wunder, dass die Ringelblume zur „Heilpflanze des Jahres 2009“ gekürt wurde. Die Salbe heilt Entzündungen, Hautabschürfungen und wunde Kinder-Popos. Über die Eigenproduktion aus abgezupften Blütenblättern wissen wir ja dank unseres Thymian-Experiments bestens Bescheid.
Dass wir auf der autofreien Bettmeralp nicht vom Weg abkommen, sprich: die Heuwiesen der Alpbauern niedertreten, darauf achtet Lisa Engler. Nur der Breit- oder Spitz-Wegerich,
der auf verdichtetem Boden wächst, sehnt sich danach, von Füßen getreten zu werden. Das setzt seinen Samen frei. Die Blätter, Beigabe zum Salat, lassen wir hier allerdings stehen. Auch den gelb blühenden Hahnenfuß ignorieren wir. Das giftige Gewächs, das wir aus der Kindheit als Butterblume kennen, meiden selbst die Kühe. „Was die fressen“, lacht Lisa, „das ist auch für den Menschen genießbar“. Wenden wir uns lieber dem Nelkenwurz zu. Bei Zahnfleischentzündungen hilft eine Tinktur, die aus der Wurzel gewonnen wird, erzählt uns die Kräuterfrau von der Bettmeralp, die vor neun Jahren hier oben sesshaft wurde.
Mehr jedoch interessiert uns der Frauenmantel und dessen Wasserperle, die sich am Morgen in der Blattmitte zeigt. Kein Tau, betont Lisa Engler, sondern von der Pflanze produziert: Ein wahrer Schönheitstropfen, samtweich und Haut verschönernd. Wir versuchen, die Wasserperle mit dem Finger aufzunehmen und die Lippen zu benetzen.
Appetit kommt beim Essen – so haben wir es früher einmal gehört. Appetit kommt beim Sammeln, erfahren wir hier. Für die „grüne Suppe der Antoinette“ müssten wir allerdings lange unterwegs sein, denn ohne Blätter von Schafgarbe, Spitzwegerich, Giersch, ein wenig Bärlauch, Wiesenknopf, Löwenzahn, Brennessel und Sauerampfer gelänge sie nicht. Für unser Menü zum Abschluss der Kräuterwanderwoche auf der Bettmeralp und durch den Aletschwald haben wir die Zutaten schnell gesammelt. Gesund und schmackhaft verheißen die Vorspeisen: Schafgarbenbutter auf Dar-Vida-Keksen mit Enzian-Blüten garniert,
Kräuter- und Blütenquark mit Dipp-Gemüse und Stängel von Sauerampfer und Waldröschen, auch die im Bierteig ausgebackenen Holunderblüten, Salbei, Melisse und Liebstöckel bereiten auf die Kräutersuppe von Brennnesseln (mit einem halben Blatt Alpenampfer) vor. Die Kräuterfrikadellen mit Thymian und Steinquendel und das Kräuterrisotto mit Margariten, Glockenblumen und Klee lassen kaum noch Genuss frei für das Dessert aus Alpenampfer-Kompott und Vanillesauce mit Blüten- und Gräser-Dekoration. Der Appetit anregenden Wirkung der Bärwurz-Blätter (für Suppen, Aufläufe und Gemüsegerichte) bedarf es jedenfalls nicht. Und auch der Rotwein aus dem Wallis spricht für sich.
Anreise: über Brig/Wallis mit Auto oder Bahn bis Betten-Talstation, weiter mit der Gondel zur Bettmeralp.
Mehr über die Bettmeralp sowie die Exkursionen mit der Kräuterfrau Lisa Engler:
www.loewenrose.ch
www.bettmeralp.ch
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